Als ich sterben wollte….

Als ich sterben wollte, und es – zum Glück – doch nicht tat; da konnte ich danach freier und froher atmen.

Ich wollte sterben. Ich lag im Bett und versuchte einfach, das Atmen aufzuhören. Ich wollte mich selbst ausschalten und meine Existenz beenden, die mir mühselig und hoffnungslos erschien. Ich dachte, wenn ich es mir fest vornehme, kann ich ganz einfach einschlafen und nie mehr aufwachen. Einfach das Atmen einstellen und tot sein. Ein friedliches Ende für ein stürmisches – vielleicht manchmal zu zerstürmtes – Leben.

Aber es ging nicht. Meinen Atem konnte ich auch mit festem Willen nicht abstellen. Der Atem – und somit die Essenz des Lebens – unterliegt letztendlich nicht komplett meinem Willen. Es hat eigene Gesetze, die größer und stärker sind als mein Wollen und Streben. Ich bin dem Leben und Atem ausgeliefert. Und das ist gut so.

Es ist gut, dass ich noch lebe. Sonst könnte ich nicht diese Zeilen schreiben. Ich könnte sonst nicht die Einsichten reflektieren, die ich in diesen Momenten hatte. Diese Erkenntnisse haben mir den Glauben an das Leben wieder geschenkt. Haben mir Hoffnung gemacht. Vielleicht tun sie das auch für den einen oder anderen draußen, der sich in einer ähnlichen Lage findet. Dann lohnt sich das Atmen und Schreiben für mich schon.

Mein Leben war in Unruhe, in desolatem Zustand

Natürlich kommt man nicht so aus einer Laune heraus auf die Idee, dass man sterben will. Das tut man nur, wenn man des Lebens müde ist. Ich war zu dem Zeitpunkt schon seit ein paar Tagen – oder waren es sogar Wochen – in einer depressiven Stimmung. Wieder war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem die Umstände bitter und beschwerlich waren. Ich hatte das Gefühl, mich im Kreis zu drehen und aus dem Tal der Tränen nicht heraus zu finden. Schon Jahre vorher musste ich durch ähnliche Zeiten gehen und harte Schicksalsschläge hinnehmen. Nun schien sich alles noch einmal zu wiederholen.

Mein Leben war in Unruhe, war in desolatem Zustand, es war ohne Boden. Die Entwicklungen der letzten Jahre hatten mir den festen Halt im Leben entzogen. Wie ein losgelöster Astronaut im weiten All so irrte ich im freien Fall durch meine Welt.

Die Schicksalsschläge waren nicht alleine Unglück. Etliches war mein ganz eigenes, persönliches Verschulden. Eine ungute Mischung aus Über- und Hochmut verleitete mich in vielen Situationen zu riskanten, falschen Entscheidungen. Ich schätzte Menschen, Geschäfte und Möglichkeiten zu optimistisch ein; vertrauend auf mein Glück führte ich Jahren ein Leben auf einem Vulkan, der früher oder später explodieren musste. Der Absturz kam dann auch und entriss mir den Boden. Mein Leben entglitt mir vollkommen. Auch damals war der Gedanke ans Sterben oft und störrisch in meinem Kopf.

Es war aber auch mein Weckruf, um mich zu besinnen. Ich wollte wieder ganz wörtlich zu meinen Sinnen kommen. Zu mir selbst zurückkehren wurde ab dem Zeitpunkt meine Lebensaufgabe. Alte Verhaltensmuster und Denkweisen hinterfragen und durch neue, gesündere ersetzen. Den Weg geh ich nach wie vor. Er war und ist nicht leicht. Und wenn dann sich Situationen doch wiederholen zu scheinen und wieder der Boden verschwindet, ist der Rückfall in alte Muster schnell da. Auch der Wunsch, dass es nur durch den eigenen Abgang zu beenden sei. Dieser Wunsch hatte mich nun in den Nächten wieder erfasst, als es mir schlecht ging.

Wie ich zu Sinnen kam: Angst und Erwartungen als Lebenskiller

Neu war nun jedoch, dass ich mehr bei Sinnen war. Mein Weg zu mir hatte mich näher an meine innere Stimme und Gefühl geführt. Im Moment der Hoffnungslosigkeit war ich nun achtsam genug, in mich zu gehen und mir zu zuhören. Das eröffnete mir den Weg zu tieferen Einsichten. Ich gelangte zu Erkenntnissen darüber, was denn nun in meinem Leben schief lief, welchen Beitrag ich dazu leistete und wie ich wieder Hoffnung und Lust am Leben haben kann.

Meine Offenbarung zeigte mir auf, dass ich in der Vergangenheit sehr viel aus Angst heraus handelte – oder nicht handelte. Ich erkannte, dass ich davon getrieben war, Erwartungen zu erfüllen: die an mich selbst und die Erwartungen, die ich anderen unterstellte bzw. auch an diese hatte. Ich spielte eine Rolle. Die Rolle des starken, erfolgreichen Machers. Ein typisches Männerbild, das ich zu (er-)füllen suchte. Keine Schwächen oder Fehler eingestehen oder erkennen lassen. Nicht um Hilfe bitten (auch wenn es noch so notwendig wäre). Kein Versagen zulassen.

Doch gerade das machte meine Angst vor dem Versagen noch größer. Diese Angst wurde von der tiefen Angst vor Ablehnung genährt. Wenn ich versage, werden sich die anderen von mir abwenden, werden mich verhöhnen und meiden. Diese Angst wütete wie eine Bestie in mir. Sie ist noch nicht bezähmt und taucht immer wieder auf, wenn ich das Gefühl habe, in meinem Leben gescheitert zu sein. Sie trieb mich dazu, mein riskantes Leben zu führen und dann mich beruflich, privat und emotional zu ruinieren.

Dieses Rollenverhalten und diese Ängste sind ein Trugbild, dem ich gelegentlich immer noch verfalle. Nur durch Achtsamkeit und innere Einsicht kann ich den Schleier davon ziehen und mich wahrhaftig und ehrlich annehmen und verhalten. Mein Umdenken setzte schon lange ein, doch ich hab es noch nicht komplett verinnerlicht. Nach wie vor fällt es mir schwer, um Hilfe zu bitten. Ja, oft, wenn es mir nicht gut geht, bin ich blockiert und gehemmt. Ich kann nicht um Hilfe bitten, weil ich dann gar nicht weiß, was ich brauche und will. Weil ich mir selbst im Wege stehe.

Scheitern und Versagen sind immer noch tiefe Ängste in mir. Doch mit dem Schritt, sie zu erkennen und zuzugeben – sie hier öffentlich zu machen – gehe ich meinen Weg der Heilung. Es ist eine Befreiung für meine Seele. Auch weil ich durch meine Arbeit und Schreiben in letzter Zeit von vielen anderen Menschen (vor allem Männern) erfahre, dass sie von den selben Ängsten und Sorgen geplagt sind. Das gab mir den Mut, das Thema aufzunehmen. Das gab mir die Hoffnung, dass es weiter gehen kann.

Jetzt stehe ich hier mit gescheiterten Beziehungen, einer unsicheren beruflichen Existenz und in einem Alter, wo man(n) es eigentlich geschafft hat. Wie soll es weitergehen? War es das? Was wird das Leben denn noch für mich haben? Was wird noch kommen?

Lernen und Lieben sind meine Lebensmotivation

Zwei Dinge habe ich als Motivation. Zum einen, die Tatsache, dass ich mich tatsächlich emotional und geistig weiter entwickeln kann. Die Möglichkeit, mich und das Leben zu erkennen und zu erlernen, ist nicht zu Ende. Hier habe ich Hausaufgaben , gibt es Unerledigtes und Unversuchtes. Neugierde auf das Leben und das Lernen war immer ein Motivationsinstrument (nicht so vielleicht in der Schule und Studium, sofern mich das Fach nicht interessierte.). Das Leben fasziniert mich noch immer und es zu erfahren und meinen wahren Weg zu finden, will ich versuchen.

Zum anderen musste ich mir eingestehen, dass ich bisher nie wahrhaft, tief und unvoreingenommen geliebt habe. Weder mich selbst noch andere. Das war ein zugleich erschütternder und motivierender Gedanke. Ich will nicht sterben, ohne dass ich einmal uneingeschränkte Liebe in meinen Leben spüren durfte. Selbstverständlich hatte ich diese als Kind und durch meine Familie, aber ich spreche hier von der Selbstliebe und der Liebe, die ich gebe, annehme und empfinde. Ich kann diese nur erfahren, wenn ich uneingeschränkt die Liebe zu mir selbst entwickle und zulasse. Das hatte ich zu wenig oder gar nicht getan über viele, viele Jahre hinweg. Die Liebe ist meine neue Motivation. Das ist, was mich am Leben hält, mir Lebenlust und –freude schenkt, und mir jeden Atemzug frei macht. Ich habe wieder Zuversicht, dass dies in meinem Leben geschehen wird. Und ich wünsche diese Zuversicht jedem, der diesen Text liest.

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